Ivan Morf

German Poetry

Anmerkung: Hier finden sich Gedichte aus all meinen Lebensabschnitten. Sie sind leider nicht datiert, doch habe ich versucht, sie einigermassen chronologisch zu ordnen. Meine fruehen Gedichte sind oft sehr melancholisch/depressiv. Ich weiss nicht welchen literarischen Wert sie haben, doch spiegeln sich in ihnen wie in meiner Kunst der Tanz meines Geistes und meiner Emotionen, Gedanke und Vision.

Hausgebet

Bitte, Geister der Seele segnet dieses Haus / Errichtet ein Zelt ueber den Weiten meiner Familie / aus tausend Sternen. / Lasst mein Herz sehen, was gesehen werden will / Damit in dieser Welt alles seinen Platz hat. / Darum hoere mich verehrte Mutter / Die Du weisst wohin wir schreiten. / Darum hoere mich verehrter Vater / Der Du von daher kommst / Puls der Einheit / Leere und Fuelle zugleich / Ergreif unsere Herzen und macht uns frei.

Mein Bruder

Tanz mein Bruder, tanz. / Mein Herz fuehlt Deine Gegenwart / und bittet mich Dich zu bewahren / und zu staerken. / Denn wir sind eins, / Du und ich. / Nichts steht zwischen uns, / alles findet bei uns Platz. / So sehe ich nicht Dich in Deinen Augen, / sondern das All dem wir gehoeren. / Denn das Rad der Welt dreht sich nur fuer die, / die nicht vordringen zum Mittelpunkt der Achse, / die Erde und Himmel, / Herz und Geist vereint. / Dort, / im Auge des Sturmes / sind wir alle zuhause / eine Wiese der Geborgenheit, / ein See der Ruhe, / in der Liebe, die uns alle zusammenfuehrt. // Darum tanz mit mir / Bruder, tanz. / Denn jeder Weg ist ohne Ende / und nur im Tanz / sind Schritte ohne Richtung.

Der Sonnentanz

Du geliebter Freund / Weit entfernt liegen unsere Wege, / verschleiert ist unser Sein. / Im Traume kaempften wir, / in einem Platz zu sein, / und gebaeren dem Tod / eine neue Welt. // Ich bin Du / Du bist ich. / Nur der Augenblick verraet Dich an mich, / und mich zu Dir. / Keine Worte / Keine Tat / Tanz. // Mein Freund, tanz mit mir / Willst Du nicht auch die Welt erwecken, / zu Deinem Glanz? / Willst Du nicht das Alte neu erstanden, / gelaeutert im Jetzt? / Darum lass uns singen. / Darum lass des Geistes Klang / unsere Leiber fuellen, / mit jedem Atem, / dass zur Erde er dringe, / hinnein in ihre heisse Tiefe, / den Schoss einer neuen Welt. / Und von dort soll er steigen, / hinnauf, / die zusammengesackten Glieder verlassend, / dem Himmel entgegen, / hinnein, / den Lichtern folgend, / bis zur gluehenden Ewigkeit. // Sind diese Pole nicht der gleiche Ort? / Sind wir nicht nur deswegen hier, / gebunden im Nichts, / dem Jetzt entwichen? // Darum tanz mit mir Bruder, / Taenzer der Sonne, / in dunkler Nacht.

Liebeslied

Einsam sehe ich durch den Nebel / herueber zu Dir. / Dort bist Du / versteckt von der Ungewissheit. / Ich fuehle Dich / sehe Deine Scham. / Der Fluss bebt und wiegt mein Floss. / Der feucht warme Puls der Sonne / dringt durch meine Brust / und waermt meine Glieder. / Der Wind, mein Freund, hat sich geregt / und Deine sanften Lippen sind an mein Ohr getragen. / Es ist der rauschende Gesang der Stille. / Meine Lunge seuftzt mit der Angst / sich zu regen. / Meine Haut reckt sein Haar / das Deine zu erheischen, / bis Gravitaet mich vorwaerts zieht. / Nun entflieht mir der Boden. / Ich falle in die Wogen der feuchten Glieder. / Kreisend naehern sich unsere Seelen / und erst jetzt bricht der Schleier / da ich Dich sehe. // Jauchzend schlagen die Flossen / Wir tuermen davon / durch rauschende Baeche / und reissende Fluten / hinnein in den endlosen blauen Ozean / wo unser Gesang die Weiten fuellt.

Die Inspiration

Meine Inspiration bitted mich / ein einfaches Dasein zu fuehren. / Doch die Welt is ein enger Ort, / wenn auch nicht fuer lang, / wenn auch nicht fuer immer. / Darum muss diese Schlacht sein. / Meine Liebe Mutter! / Ich verstehe die Muedigkeit / mit der Du dieser Welt gegenueber standst. / Wir werden von Leere regiert. / Sie waechst mit jedem Beamten, / dem ein Gehalt versprochen wird. / Wisse, / dass ich Dich liebe, / dass ich in Dir kein Versagen sehe. / Ich kenne die Macht der Vision, / ich kenne die Leere ohne sie. / Wisse, / dass wir alle Diener unserer Zeit sind, / dass die wachsende Leere die Sorge nicht rechtfertigt. / Fuerchte nicht Tod, / nicht Teufel, / es ist Schoenheit in der Welt, / das gehetzte Auge sieht sie nicht. / Fuerchte nicht den Kerker und das Feuer, / Zeit und Koerper sind nur geliehen, / sie deuten uns nur zum Leben, / sie sind es nicht. / Ich traeume von Dir mit der Freude meiner Traenen, / hier ist kein gut und schlecht. / Zum Vergehen sind wir hier, / sorgsam sorglos sein. / Vergiss die Stimmen, die zum Vergessen einladen, / die Bedeutungslosigkeit erinnern wollen. / Es sind Stimmen der Angst, / auch wenn sie einen freudigen Klang trainieren. / Lass uns singen, / Deiner Stimme Klang lebt in mir. / Lass uns furchtlos zu Taten schreiten / deren Schoenheit wir mit Freude und Leid besingen koennen. / Lass uns waehnen wo andere wahnen, / wir sind frei.

Abschied an meine Mutter

Du hast mein Herz geoffnet. / Ich fuehle es wieder. / Der starke Geist des Vaters. / Das grosse Herz der Mutter. / Meine Wege wurden weicher. / Auch ich wusste es war eine Zeit der Besinnung. / Ich bin Dein Sohn. / In uns lebt die Weisheit vergangender und kommender Welten. / Ich habe ein Bild gemalt, / ohne es zu versehn. / Ich dachte ich malte meine geheime Liebe, / doch war sie es nicht. / So dachte ich es sei eine alte Liebe, / die dem weissen Centaur die ruhige Hand auf die Schulter legt, / den Blick der untergehenden Sonne zugewandt. / Doch alt und neu waren vereint zur Liebe meines Herzens / und am Tage Deines Todes kam zu mir / die Vision meiner Freude, / offen, / der Sorge das Gesicht nehmend, / das bedingungslose Bild meiner grenzenlosen Liebe. / Ich hatte keine Ahnung es war / Dein Abschied zu mir. // Dann, / als ich um Deinen Tod wusste, / ging ich spazieren / und als ich mit dem Mond und den Wolken zu Dir sprach / kam der Donner mir zu antworten. / Freude ist in meinem Herzen, / denn Freude ist in Dir. / Du und ich sind eins.

Das Haus der Traeume

Das Haus der Traeume ist schoen! / Das Haus der Traeume ist schoen, / weil es verlassen ist. / Es ist verlassen von denen, die einst dort wohnten / und seinen Glanz genossen, / wie einen guten Kaffee, / den man sich angewoehnt hat zu trinken. // Jetzt sind sie fort. / Ihre Leiber sind verstreut in der Welt und ihre Namen sind vergessen. // In ihrem Garten brennt ein kleines Feuer und waermt. / Die Tueren, verblaettert und welk, stehen offen. / Der Wind blaest durch das Haus und traegt den Atem der Welt / und der vergangenen Welten durch die staubgefuellten Raeume. // Es ist das Haus der Traeume. // Seine Tueren stehen offen. // Die Saeulen um die Veranda zeigen das Mauerwerk, / dass sie traegt. / Das gab es nicht, als noch die Beschaeftigten das Haus von unten waermten. / Im Haus der Traeume gibt es ein grosse Treppe, die nach oben fuehrt / und eine kleine, / die nach unten in den Keller reicht. // Sie ist steil. // Die Wasserhaehne sind verschwunden. / Wahrloses Geruempel und verstaubte Schraenke, / halb offen stehend mit festgerosteten Schanieren, / sind da, wo einst die, / die fuer ihr Da-Sein ihre Liebe gaben, / ihr Reich hatten. / Im Haus der Traeume. // Wer im Garten sitzt riecht den See und den Flieder. / Plflanzen, solche, die einst zur Zier gedacht waren / und andere, die sich dazu gesellt haben, / ranken entlang des verrosteten Zaunes, / der darauf wartet wieder die Welt zu trennen, / in den Garten / und in die Strasse. / Auch lauern die schon, / die den Wind einfangen wollen, / weil sie die Unfassbarkeit der Traeume nicht begreifen / und sie sich deshalb / aneignen / wollen. // Das ist gut so. // Das Haus der Traeume ist zeitlos und kennt keinen Raum. / Es ist der Wind, / der durch seine offenen Tueren blaesst und an den zerbrochenen Fenstern weht. // Ich habe auch ein Haus der Traeume gefunden, darin hingen Bilder. / Jeder Raum zeigte andere Bilder, / im Haus der Traeume, / und der Wind streichelte die Stelle, / in der die Bilder ihre Lieder / leise in den Raum singen. / Der Dachboden, / der erste Stock, / der Salon. / Das Herz. // Im Herzen des Hauses der Traeume thront eine Goettin des Lebens und des Todes. / Sie wacht ueber den Hund, / der ruhig im Zimmer vor der Tuer liegt. / Auch er kennt das Haus der Traeume. / So wie der Kaefer, / der langsam ueber die Bilder wandert. / Seine zackigen Beine setzen langsam ihren Schritt / ueber die noch frischen Farben. / Der Kaefer weiss wohin er geht, / deshalb ist er der Waechter des Hauses und der Beschuetzer der Traeume. // Der Wind weht durch das Haus. // Manchmal haelt er an und alles steht still fuer einen Moment, / und vielleicht droehnt dann draussen das Quarken der Froesche vom See herrueber, / hier im Haus der Traeume. / Und so wie unsere Erinnerungen zerfaellt alles, / bis es zu Wind geworden ist und durch die Welt streicht. // Auf der Suche nach einem Haus der Traeume.

Das Ungemalte Bild

Es ist wieder einer dieser Tage, / die mich mit ihrer unendlichen laehmenden Traegheit / wie zaeher Honig ueber die Stunden verschmieren. / Unfaehig heute noch etwas zu bewerkstelligen, / ersehne ich mir die Tage der Ablenkung, / mich ueber meinen Zustand hinwegtaeuschend. / Es ist wieder die Zeit der ungemalten Bilder.

Das Licht

Das Licht brennt / einsam uebern Raum / Still wiegt es seinen Charme / durch die Wogen der Luft / Einsam brennt es seine Narben / in meine Augen / und doch fuellt es / mein Herz

Dez '90

Der Vogel

Das Leben ist ein bunter Vogel, der langsam ueber die Waelder fliegt. / Seine Fluegel streifen sanft die Kuppen der Berge / Sein kristallener Atem inhaliert die kalte Luft / Zaertlich gleiten seine Federn ueber Waelder und Steppen / Der Wind traegt ihn in seinem Schoss / Beruehrt er den Boden, werden seine Krallen zu Messern / Sein Schnabel zerrt an pochendem Fleisch / Sein Auge registriert die Angst der Erde / Doch Nachts im zerrigen Geaest / Verschmelzen Leben und Tod / Zur Erwartung auf das Kommende / Zur Reinheit des Seins / Und Grausamkeit und Furcht vereinen sich / Zum Nichts

Das Jetzt

Sie fragen nach dem jetzt? Nun, es tut mir leid, da sind Sie leider falsch. Kommen Sie lieber morgen noch mal wieder und fragen Sie nach dem heute. Was? Sie wollen das Jetzt, jetzt und hier? Das geht leider nicht, denn das jetzt ist gleich, wenn ich es morgen erkenne. Seien Sie nicht so grausam, machen Sie die Augen, Ohren, Nase zu, schliessen Sie sich ein im Vakuum, und was Sie dann sehen mein verehrter Herr, ist das Nichts, das Jetzt, /sind Sie.

Kleiner Geist

Ihr suessen kleinen Geister, / es ist nicht alles Scheibenkleister / Zu sein ist nicht die groesste Pein / Mach Dich auf, / Ich bin Dein!

Ich

Ich freue ich auf ich Sommertrag, wenn ich und ich Liebe ueber ich Felder wandern und ich Blumen bluehn.

Der Sandkasten

Als ich ein Kind war, habe ich im Sandkasten gespielt und dort Plastikfiguren gefunden, die wie neu aussahen, wenn man sie abgewaschen hatte. Das war sehr schoen. Plastikfiguren gab es auch in Badeflaschen und Verpackungen von Suessigkeiten. Manchmal waren im Sand Folien auf denen Schrift stand. Sie waren schon da. Sie und andere Gegenstaende, die man finden konnte, erinnterten an Menschen, die vielleicht schon vergessen waren. Jedenfalls zeigten sie, dass es Schoenes auf der Welt gab, auch wenn es hier einsam und verlassen lag. Als Kind fuehlte ich mich manchmal einsam. Ich dachte, die Dinge wuerden es auch tun.

Manchmal bin ich an einem Ort und moechte an einem anderen sein. Am liebsten waere ich dann gleich da. Leider ist das nicht so. Wenn ich zu solch einem Ort fahre versuche ich nicht viel zu denken. Manchmal versuche ich an sehr viele Dinge zu denken und nicht wo ich bin. Schoen ist es, wenn ich eine Strecke nicht kenne und ich neues entdecken kann. Oft ist das nicht so. Es macht wenig Sinn zu einem Ort zu fahren, aber es macht Sinn dort zu sein. Manchmal ist das nicht so. Dann gibt es meistens einen anderen Ort an dem es Sinn macht zu sein. Auch das ist manchmal nicht der Fall. Dann gehe ich gerne einfach spazieren.

Der Bunjy-Jump

Er steht auf dem Turm. / Hoch ueber der Erde schwebt die Gondel. / Er sieht nach unten, / klein und mickrig schaut die Menschentraube nach oben. / Er lehnt sich nach vorne, / er spuehrt den Raum zwischen sich und dem Boden. / Langsam bewegt sich sein Schwerpunkt vorwaerts. / Heiss durchfaehrt es seine Brust, / er ist schwerelos, / hoch ueber dem Boden. / Schwerelos stuertzt er nach unten. / Es gibt keinen Halt, / nur die Luft, / und das Blut, / das in die Beine schiesst, / der Brustkorb sich zusammen zieht. / Der Boden ist jetzt ganz nah, / das Schlimmste ist geschafft, / sanft faengt die Kraft an seinen Fussgelenken an staerker zu werden, / bin sie ihn wieder in die Hoehe schnellt.

Der Zweifel

Vor mir tanzt der Geist meiner Sinne / Er ist betaeubt von der Droge meiner Einbildung / Die Klauen meiner Beduerfnisse / Reissen Wunden in die Seelen der Gequaelten / Husch husch-rundherum / Lacht! Seid nicht stumm / Durch der Strassen Licht / Sich mein Schatten bricht / und mit ertraeumter Kraft / Mein Glueck mir weht / Hat der Geist nur erschafft / Was hinkend sich vergeht / Ver-dreht ist der Ge-dan-ke / Zer-stuek-kelt ist das Licht / Helft dass ich nicht wan-ke / Wenn der Zwei- fel ue-ber mir bricht

Das Leben

Das Leben ist ein wilder Taumel / der uns aus unseren Huellen reisst / uns verzehrt / unsere Herzen fuellt, / uns fragen laesst / den Zweifel uns zerren laesst / an den Mauern der Wirklichkeit // Ich kenne mich nicht / Ich bin so voll / ich weiss nicht, wie ein fleischender Koerper / dies birgt // Das Leben ist ein wilder Taumel / ein Hauch / in meinem Gesicht / ein Laecheln / in meinem Kopf / Es ist der Schaum / die Wolke / die uns ihre Form verspricht / uns jedoch nie / fuehlen laesst

Dez '90

Das Erwachsen

Es geht, / ich gehe auch so. / Habe gerade mit meinem Vater telefoniert, / war interessant, / war gut. / Sind uns sehr aehnlich, / auch nah. / Manchmal stolpern wir ueber unsere Rollen, / aber ich glaub das macht nichts. / Habe auch mit meiner Mutter telefoniert. / War auch gut. / Tat gut. / Sie kann mich verstehen. / Wie sag Ich ihr's? / Ich glaub ich weiss schon. / Ich mache ihnen Angst, / bin zuviel auf einmal, / auch fuer mich. / Sie werden schon sehen, / dass es geht. / Ich auch. / Habe Freunde. / Werde Freund. / Bin nicht viel. / Aber, wer das weiss, / dem kann es reichen. / Ich liebe meine Tapenfetzen an der Wand. / Sie haben so etwas beruhigendes. / Sehen manchal aus wie kleine Kontinente. / Waren schon vor mir da, / kennen die Zeit. / Die Segel sind voll. / Der Bug bereitet sich seinen Weg durch die Wellen. / Muskuloese Arme ziehen am Ruder, / gespannt zerrt die Schnur zwischen Beiboot und Wal. / Kleine Welt in der Flasche / mit rotem Korken. / Bin hier draussen. / Stelle mich dem Leben. / Habe Angst. / Grosse Angst!

Das Boot

Das Boot schwimmt, schwimmt / in langen Bahnen runde Kreise / ohne Sinn, nur jetzt / bis es auf den Boden sinkt / und sich seicht laengs aufgeloest / wieder an unseren Strand legt

Dez '90

Memorandum an die Idiotie

Mit Geist bin ich gewandelt / Durch die Eisenstreben rostigen Lebens / Gestoppt durch jaehes Festhaken / In uebel-ruechiger Neontristerie / Vervollkommnet in traenigem Trott / Saeftig in erstarrenden Teer gegossen / Zerfliessend stueckelte ich gepresstes Dasein / In sumpfiges Ticken feister Schlacken / Befreit nun durch die Zeit / Eile ich fort / Vor zu laufen um anzuschliessen ans Vergangene

Die Zwiebel

Wenn jeden morgen die Menschen im Wandel erwachen, / zieht sich eine weitere Haut ueber das gestern. / Wie auf einer ungeschaelten Zwiebel wandere ich auf der Kruste meiner Erinnerungen. / Ich bin weit von dem Tag, an dem das eine das andere bedingte. / Die feste Schale meiner Welt ist aufgebrochen. / Unschluessig stehe ich unter dem Zwang aus der Vielfalt zu waehlen, / die ich nur erahne.

Der Gegenstand

In meinem Zimmer befinden sich Gegenstaende. In meiner Kueche befinden sich auch Gegenstaende, die ich oefter benutze. In meinem Gang befinden sich Gegenstaende, die ich selten benutze. Das ist der Ort, den ich meine Wohnung nenne. Ausserhalb meiner Wohnung, gibt es andere Orte.

Ich weiss von einer Welt, wie von anderen Planeten. Ich habe etwas von ihr gesehen, unendlich viel nicht. Trotzdem existiert sie in meinen Gedanken. Nur dort. Gehe ich an einen Ort, der in meinen Gedanken existiert, ist er anders. Wenn ich einen Ort verlasse, veraendert er sich, aber das bekomme ich nicht mit. Ich fuehle mich an Orten zuhause, die sich fuer mich nur wenig veraendern. Das sind Orte, die ich immer sehe, oder die sich wandeln wie ich. Eigentlich weiss ich nicht viel von der Welt, ausser, dass sie immer anders ist, als ich sie mir vorstelle. An Orten, die sind wie ich sie mir vorstelle, bin ich zuhause.

Der Trennungsschmerz

Geburtstag. / Mamma und Papa sitzen am Tisch. / Sie laecheln, / er sieht die Kerzen auf dem Kuchen, / die Geschenke stehen auf dem kleinen Tisch im Wohnzimmer. / Liebevoll sind die Schleifen um die Packete gewickelt. / Er sieht in ihre Gesichter, / sie blicken ihn an, / doch er sieht nur Masken, / er merkt, / sie alle wollen es, / brauchen es, / er spuehrt den Dolch, / er rennt. / Sein Gesicht graebt sich in seine Decke. / Heiss laeurt der Saft seiner Augen / langsam ueber seine Haut / bis er sich mit dem weichen Stoff vereint. / Er weiss es nicht, / er weiss es nicht, / die warme Hand auf seinem Ruecken macht den Schmerz nur groesser, / er unterdrueckt ihn.

Die Stadt

Tropfen heissen Blutes auf diese Stadt / Einsames wandern in ihren Mauern / Silberner Mond auf hellblauem Himmel / Schutt in meinen Waenden / Draehte durch meine Venen / Pulsieren, machen, gehen leben / Vorwaerts, zurueck, stehenbleiben / Ein langsames Zerren an meinem Geist / Langweiliges Hasten durch die Sperren der Mehrsamkeit / Leute, Menschen, Tiere / Gaffen, Kucken, Singen / Ein Name auf meinen Lippen / Ein Lied in meinem Hals / Kurz vorm Sprung / In der Luft / Auf der Erde / Traeume, Visionen, Realitaet / Ferne, Naehe, ein Lieben / Welch eine Hommage!!

'90

Das Sehen

Ich bin / Will nicht sein / Bin trotzdem / Will doch sein / Kann nicht / Kann dann doch / Aber nicht immer / Habe Angst / Bin mutig / Habe dann trotzdem Angst / Bin noch mutiger / Schliesse meine Augen / Sehe

'90

Der Abschied

Die Zeit wird ihren sanften Mantel ueber uns decken und unsere Gesichter an uns vorbeirasen lassen, wie laengst verschollene Lichter, die in einem letzten Aufbaeumen gegen den Schmerz der Vergaenglichkeit aublinken.

Lachend werden wir voreinander stehen, den Ernst und die Bedeutung des Moments lebend. Die Bedeutung der Dinge wird uns langsam wie trockener Sand durch die Haende rinnen, uns noch einmal fiebrig nach dem Vergangenen tasten lassen und verfolgt von einer wunderschoenen Illusion, dem Leben huldigen.

Was immer dann kommt, moechte ich nicht wissen. Ich hoffe nur, dass es die Zeit aufloesen wird und alles ineinander verschmelzen laesst, so dass nichts verloren ist und gleichsam stets present. Dann bin auch ich ueberfluessig und kann Euch meinen Ruecken zukehren, da er nicht mehr existiert und Eure Stimmen und Eure Blicke, die mich verfolgen, werden kein Ziel mehr brauchen, da verschmolzen ist, was jeh bestimmt war, sich zu treffen.

Zivi-Krankenhaus Blue

Das lullt mich hier ein. Mein Ego wird zu Wasser. Gleichgueltige Beziehungen ohne Austausch und auto-erotischem Beigeschmack. Fahle Neon-Romantik in blassen Gaengen mit dampfenden triefenden leeren Seelen. Ikonisierte Dienstplaene verwalten verheissende Freitage. Kolonnen des Stumpfsinns waelzen fuer die Menschlichkeit. Latex-Nivea-Haende im Blut und Fekalienrausch. Stahlnadeln in duerrem Gewebe fuer Saftversorgung. Angesammelte Krankheitstraeger lagern zusammen im Uni-Uringestank.

Steppenwolf

Hier sitzte ich diese unendliche traurige Einsamkeit ertragend. / Ich senke langsam zum Klang der klassichen Musik meinen Kopf. / Sanft beruehrt mein Kinn meine Brust. / Meine Lider heben sich traege. / Ich schaue auf mein eingenes Abbild. / Dort liegen sie, meine Zuege. / Ein strahlendes Laecheln durchstrahlt meine Sinne, / wie ein fremdes Echo wunderbarer Traeume. / Das bin ich. / Ich sehe die dunklen braunen Haare ergrauen, sehe zu, wie sich schoene Falten des Alters in mein Gesicht ziehen. / Wie anbetungswuerdig erscheint mir dieser unerreichbare Teil meiner selbst, / wieviele Ozeane gelebten Lebens liegen zwischen mir und dieser schwebenden Heiterkeit, / deren Hauch so unerreichbar ueber die Kuppen meiner Fingerspitzen gleitet. / Muedigkeit ueberkommt mich wie ein troestender Daemon gewaltiger Harmonie. / Dieses Leben hat es vermisst, / mir meinen Platz zu geben. / Unendlich leer beugt sich mein Blick ueber den sich vor mir ausstreckenden Raum. / Suchend nach Sinn schweift er hoffnungsvoll ueber die zerkluefteten Konturen, / bis er schliesslich in der weiten Ferne hinter dem Glas muendet, / um in meinen Erinnerungen weiter zu schweifen. / Gebunden durch die Ueberzeugung, dieses Tal zu durchdringen, / gleiten meine Sinne dahin in gezwungenem Optimismus. / Doch festigt sich die Gewissheit, / ohne diese Tragik, die Tiefe meiner Sinne nicht leben zu koennen. / Verdammt Welt, / Du laesst mir keine Normalitaet! / Und jeh mehr ich nach diesem Phantom jage, / desto entrueckter und fremder erscheint es mir.

24.10.'91 Prenzlauer Berg

Der Hangover

Alle Worte, die gesagt sind, sprechen das Sterben, da der Tag nicht der Tag ist und die Nacht nicht die Nacht.

'94

Das Trauergeschaeft

Mein schoener Gedanke leidet mit einsamen Herzen / Meine freudige Treue sinkt in der Trauer // Dort wo einst Geschwister weilten / Der Mutter Tod im Teppich sitzt // Der Traenen Freude war ein kurzes Geschaeft / Dem schnell in Sorgen hinterblieben ist // Zu kurz zu kommen / In diesem Leben / Heisst anderen / Die Liebe geben.

Gedankenfreiheit

Ich hege einen Gedanken und lasse ihn ziehen / Er soll mich nicht begleiten auf diesem Weg / Viel bleibt es noch zu tun / Die Zeit wird knapp / Wenn die Ruhe einkehrt / Werde ich begleitet sein.

Die Wirklichkeit

Es mag recht sein, dass im Rueckblick unsere Gegenwart vorhersehbar scheint, dass wir versuchen sollen Kontrolle auf unsere Zukunft auszuueben. Es mag recht sein, dass unter Beruecksichtigung dessen, was kommen mag, alle Vergangenheit und Gegenwart dem Produkt der Willkuer gleichen. Es mag recht sein, dass das Paradox sich mit den Gewaendern der Sinne kleiden muss, so dass dort eine Welt ist, wo sonst nur eine Leere waere.

Das Wort

Da das Wort nicht ist, / sondern sein muss, / ist die Frage, / ob es nicht trotzdem ist.

Die Heirat

Ich habe keine Eile / Das Leben ist lang / Ich habe keine Zeit mich zu verstellen / Das Leben ist kurz // Ich lag in Deinen Armen / Meine Seele sprach / Mit Worten laut und klar / Heiraten will ich Dich / Deine Kinder haben / So sehr hat meine Seele gedraengt / So sehr hast Du vertraut / Nimm Dir Zeit / Fuerchte Dich nicht

© Philipp C Grote-Mesembe.

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